Yokoso – Willkommen in Japan

23.09. - 03.10.2018

Japan - das „Land des Lächelns“

Japan liegt auf dem pazifischen Feuerring und ist dadurch sehr häufig von Erdbeben und Tsunamis heimgesucht. Vom Pazifik ziehen außerdem Taifune mit Orkanen und extremen Regenmengen heran, die das Land zusätzlich belasten. Auf unserer Reise durch die Hauptinsel Honshu erleben wir den 24. Taifun des Jahres mit Sturm und heftigem Regen, aber er zieht schnell weiter und am folgenden Tag ist nichts mehr von ihm zu spüren.

Vorsorglich hatte man aber den öffentlichen Verkehr lahm gelegt und alle Geschäfte und Lokale blieben geschlossen. Schlimmer wütete „Jebi“ am 19. September, der mit 216 Stundenkilometern Windgeschwindigkeit schwere Schäden verursachte und 11 Menschenleben forderte. Ein abgetriebener Tanker zerstörte eine Seite der zum Flughafen Kansai in Osaka führenden Brücke. Auch der Flughafen selbst war überflutet.

 Unser Start am 23.9. in Frankfurt verzögert sich, da ein „Geruch“ im Flieger erst beseitigt werden muss. Mit der Lufthansa gehen wir dann auf den 11,5 stündigen Nonstopflug und landen am Mittag des folgenden Tages auf dem Flughafen Haneda in Tokyo. Unsere Reiseleiterin Atsuko Sakurai nimmt uns in Empfang. Geldtausch ist schnell erledigt, die Koffer sind auch alle da und im Bus verstaut – wir fahren in die Hauptstadt Japans, die 23 Bezirke umfasst und sich immer weiter ausdehnt. Der Verkehr ist überschaubar, da heute der Feiertag der Tag-und Nachtgleiche begangen wird. Wenn ein Feiertag auf einen Sonntag fällt, wird er am nächsten Tag nachgeholt, also in diesem Fall am Montag! Die Japaner haben relativ viele Feiertage, aber sonst müssen sie wohl sehr intensiv arbeiten und weite Anfahrten in Kauf nehmen, da Wohnraum in der Innenstadt unbezahlbar ist.

 Wir besichtigen das spektakuläre Rathaus, das mit seinen Zwillingstürmen als ein Wahrzeichen gilt. Architekt ist Tange Kenzo. Ein rasanter Lift bringt uns in  das 45. Stockwerk, wo eine Aussichtsplattform auf einer Höhe von 234 m einen weiten Blick auf die riesige Stadt gewährt. Eine Ausstellung zeigt schon Plakate und Maskottchen der für 2020 anstehenden Olympiade.

 In unserem Hotel haben wir Gelegenheit, direkt im unteren Stockwerk erste Bekanntschaft mit der einheimischen Küche zu machen. Die kochend heiße Nudelsuppe ist vorzüglich, aber mit Stäbchen und Kelle nicht ganz leicht zu bewältigen. Bis zum 26.9. sind wir hier gut untergebracht und jetzt froh, uns duschen und ausstrecken zu können. Die Wetterprognosen für die nächsten Tage sind leider nicht gut.

 Nach dem Frühstück beginnt mit dem Besuch des Meiji Jingu-Schreins unser Programm. In dem Shintoschrein, der in einem künstlich angelegten Wald – 100 000 immergrüne  Laubbäume wurden von der Bevölkerung gespendet – gelegen ist, werden die Seelen des Kaisers Meiji (1852-1912) und der Kaiserin Shoken verehrt. Der Schrein wurde 1920 erbaut. Der Shintoismus ist die älteste Religion Japans. Die Zahl der  Naturgötter ist kaum zu erfassen. Der Kaiser ist der höchste Priester. Da man im Shintoismus dem Tod sehr reserviert gegenübersteht, war für die Japaner der Buddhismus, der im 6.Jahrhundert aus China übernommen wurde, mit seinem Glauben an die Wiedergeburt eine willkommene Alternative. In der Edozeit fungierten die Tempel als Standesämter. Jeder musste sich dort registrieren lassen. Auch heute sind viele Familien Mitglieder eines Tempels. Die Verstorbenen bekommen vom Priester einen Totennamen, der als Pass fürs Jenseits gilt. Es gibt Familiengrabmale und Urnenhallen. Für wiederholte Zeremonien erheben die Tempel beachtliche Gebühren.

 Die sogn. Meiji-Restauration löste die durch Isolation des Landes geprägte Herrschaft der Shogune ab und verhalf 1868 dem Kaiser wieder zu Macht und Einfluss. Edo wurde in Tokyo umbenannt und Hauptstadt, der Kaiser verlegte seinen Wohnsitz von Kyoto in die Edoburg.

Den Eingang zum Schreingelände bildet ein Doppelbalkentor (Torii) mit dem Wappen des Kaisers, der Chrysantheme. Der weite Innenhof ist von mehreren Gebäuden umgeben. Die Gläubigen bringen ihre Neugeborenen, aber auch drei- und siebenjährige Kinder zur Segnung  hierher. Im Schrein verneigt man sich, klatscht zweimal in die Hände, betet und verneigt sich abermals. Noch bevor man durch das Torii tritt, reinigt man symbolisch Hände und Mund  mit Wasser in einem kleinen Brunnenhaus. Das Christentum war in Japan während der Shogunatszeit verboten. Man fürchtete den fremden Einfluss, aber der Glaube an einen einzelnen Gott entspricht ohnehin nicht  der Denkweise der Japaner.

Wir fahren nun zum Kaiserpalast, den man nur von außen ansehen kann. Typisch für die Burgen, zu denen auch die Edoburg gehört, sind Mauern, Wassergraben und Wachttürme. Nur am 23.12.,dem Geburtstag des jetzigen Kaisers Akihito, des Tenno, und am 2.1. ist das Betreten des  eigentlichen Geländes möglich. Der weitläufige Platz um den  Palast ist als Park gestaltet, der wiederum von Bürohäusern wichtiger Firmen umrahmt wird. Das Reiterdenkmal eines Samurai erinnert an die Edozeit. In das streng bewachte Palastgelände gelangt man an den festgesetzten Tagen zuerst über eine steinerne Doppelbogenbrücke und dann über die eiserne Nijubashibrücke, die 1888 über einer Holzbrücke erbaut wurde.

Berühmt ist in Tokyo die mondäne Einkaufsstraße Ginza, an der viele Weltfirmen Geschäfte haben.  Wir haben nun Freizeit und beginnen mit dem Besuch der Dachterrasse des dreizehnstöckigen Handelskomplexes Ginza Six. Von hier oben hat man einen schönen Blick auf die Stadt, die sich heute leider in Nebel und Regen hüllt. 241 Läden sind unter einem Dach untergebracht, auch „Starbucks“, wo wir uns einen Kaffee leisten. Der Bummel über die Ginza ist durch den anhaltenden Regen getrübt. Wir beobachten, wie die Kaufhausbesucher beim Betreten ihre Schirme in einer besonderen Vorrichtung mit einer Plastikhülle versehen, um die glatten Böden nicht nass zu machen. Das ist sicher sinnvoll, erzeugt aber viel Abfall. Wie mag es hier mit der Entsorgung aussehen?

In Japan läuft alles präzise ab. So zeigt auch eine erleuchtete Tafel am Haltepunkt, dass der Bus der „Group Scholz“ 14,15 Uhr abfährt. Er kommt pünktlich und bringt uns in den Stadtteil Asakusa . Unterwegs ist der 634 m hohe Tokyo-Skytee“ zu sehen. Ziel ist der Senso-ji-Tempel, im Volksmund Kannon genannt. 628 zogen zwei Fischer eine kleine Goldstatue Kannons, der buddhistischen Gnadengottheit, aus dem Sumida. 645 wurde ein Tempel errichtet, der zwar das Erdbeben von 1923 überstand, im zweiten Weltkrieg aber zerstört und in neuer Zeit wieder aufgebaut wurde. Auch die Pagode entstand 1973 neu. Der Goldschrein in der Haupthalle enthält das Kannon-Originalbildnis. Der Tempel gehört zu den heiligsten Japans.

Von der Haupthalle ausgehend trifft man zunächst auf ein Weihrauchgefäß, dann auf das Hozomon-Tor, hinter dem die Nakamise-dori, eine bunte Gasse mit vielen kleinen Läden beginnt, die sich bis zum Kaminarimon Tor, dem Donnertor, erstreckt. In ihm hängt eine besonders große Laterne.  Die Wächterfiguren rechts und links haben alte Köpfe und neue Körper.

Jenseits des Donnertores fällt ein  Gebäude , die Asahi Super Hall auf, die 1989 von Philippe Starck errichtet wurde. Eine goldene Flamme leuchtet auf dem Verwaltungsgebäude der Asahi-Brauerei. In einer Nebenstraße macht eine junge Frau Reklame für ein Tiercafe´. Neben der lebenden Eule, die sie bei sich hat, bietet sie Kontakt mit Affen, Wasserschwein und mehr an. Katzencafe´s sind allgemein beliebt, da die Japaner wenig Raum für ein eigenes Tier haben.

In der Stadt flammen die Lichter auf. Angestrahlt ist auch der 333m hohe Tokyo Tower. Durch die abschirmende Wirkung der umgebenden Hochhäuser war die Leistung dieses Fernsehturmes begrenzt. Er gilt aber noch immer als Wahrzeichen.

Am 26.9. verlassen wir die Hauptstadt und beginnen unsere Rundreise in Kamakura in der Präfektur Kanagawa, einer alten Stadt am Meer, die von 1192-1335 Regierungssitz war. 19 Shinto-Schreine, 65 buddhistische Tempel und zwei der ältesten Zenklöster sind im Ort und in den waldigen Hügeln zu finden. Besonders in der Zeit der Kirschblüte ist Kamakura ein vielbesuchtes Ausflugsziel.

Auf der Fahrt nach Kamakura  über die Autobahn passiert man das große Industriegebiet zwischen Tokyo und Yokohama. Nach Ende der Edozeit waren Kobe und Yokohama die ersten Städte, in denen Ausländer Einfluss nahmen. Den Japanern kommen sie heute noch „exotisch“ vor.

Wir besuchen zuerst den Hasedera-Tempel, der eine goldene Gnaden-Bodhisattva-Statue birgt.

Nach der Sage nahm sich ein Mönch im 17. Jahrhundert vor, eine besonders schöne Statue zu schaffen.Er betete vor einem ausgesuchten Baum und bekam vom Kaiser die Erlaubnis, das Holz zu verwenden. Zwei Schnitzer fertigten Figuren an, von denen die eine am Ort des gefällten Baumes blieb, die andere aber ins Meer geworfen wurde. Nach 16 Jahren wurde sie in Kamakura angeschwemmt und in einem Tempel aufgestellt.

Hinter einem Tor mit Laterne empfängt den Besucher ein bezaubernder Garten mit blühenden Büschen und Teichen mit Koikarpfen. Der Haupttempel liegt auf einem Hügel, den man über Treppen ersteigt. Auf halber Höhe kommt man zur Jizo-do-Halle, einem kleinen Tempelchen, das dem Gedenken an die sogn. Wasserkinder (Totgeburten und Abgetriebene) gewidmet ist. Hunderte von kleinen Kinderstatuen, z.T. mit Mützchen bekleidet, bedecken einen ganzen Hang.  Ein Friedhof, verschiedene Buddhafiguren und Gestelle mit Votivtafeln säumen den weiteren Aufstieg. Ein Glockenturm birgt die von 1264 stammende sehr schlichte Glocke. Der elfgesichtige Gnadenbodhisattva thront in der Halle, andere Figuren kann man auch außerhalb bewundern. Leider ist der Himmel sehr grau, aber es regnet nicht.

Zum „Großen Buddha“ dem Daibutsu gelangen wir nach kurzer Busfahrt. Die gewaltige 11,5m hohe und 120 t schwere Figur aus Bronze war ursprünglich von einer Halle umgeben. Erdbeben und Stürme zerstörten sie im 14./15. Jahrhundert, so dass man jetzt im Freien vor der Monumentalstatue steht. Sie wurde 1252 von Tanji Hisatomo gegossen.  Die Meditationshaltung der Hände (Mudra) drückt Festigkeit des Glaubens aus.

In der nun folgenden Freizeit kann man die Einkaufsstraße besuchen oder über die leider jetzt schon herbstlich kahle Kirschblütenallee zum Tsuragaoka-Hachiman-gu Schrein hinaufsteigen. Im unteren Bereich findet sich eine ganze Wand von Sakefäsern verschiedener Firmen. Der Reiswein spielt bei Ritualen eine wichtigen Rolle als Opfer. Die Wege zu Tempeln und Schreinen sind mit Kies bestreut oder durch besondere Pflastergestaltung gekennzeichnet. Ein Torii darf nicht fehlen - leuchtend rot und mit Doppelbalken. Am Lotosteich lädt ein hübsches Cafe´ zu einer Pause ein, ehe wir nach Hakone in unser heutiges Quartier fahren. Es regnet, aber im Hotel soll es für Interessierte ein heißes Bad geben. Die sogn. Onsen, mineralische heiße Quellen sind in der Vulkanlandschaft zahlreich. Das Wasser kommt mit mehr als 40 Grad aus der Erde und wird genutzt. Man badet nackt, getrennt nach Geschlechtern, nachdem man sich mindestens 30 Minuten intensiv abgeseift hat.  In unserem Hotel ist es allerdings kein originaler Onsen.

Zum Abendessen wandern wir in ein Lokal, wo wir eine scharfe Kohlsuppe genießen. Die Wahl des Gerichts nach der bebilderten Karte – die Kellner sprechen nur japanisch – ist immer ein Lotteriespiel.

Am nächsten Tag ist das Wetter leider nicht besser, so dass unsere Hoffnung, den berühmten       Fuji-san (3776 m) vom Kawaguchisee aus bewundern zu können, kläglich dahin schwindet. Ein Blumengarten im Regen und Nebel über dem alleinstehenden Vulkan, der 1707 zum letzten Mal ausgebrochen ist – mehr ist uns nicht vergönnt. Im Mittelalter begannen die Asketen, den Berg zu besteigen, in der Edozeit wagten es auch Laien, aber erst in der Mejizeit durften auch Frauen, die vorher als unrein galten, den heiligen Berg betreten. Von Ende Mai bis September ist die Besteigung möglich. Viele möchten den Sonnenaufgang von oben genießen. Die Sonnengöttin ist die wichtigste Gottheit des Shintoismus. Die Wanderung über die Lavafelder sei beschwerlich und „nicht schön“ sagt unsere Reiseleiterin aus eigener Erfahrung.

Etwas enttäuscht fahren wir nun über eine weitere wichtige Autobahn durch die Mitte von Japan nach Matsumoto. Die Stadt gilt als das Tor zu den Nordalpen, die eine beeindruckende Kulisse bilden. Die Berge sind über 3000 m hoch. Matsumoto liegt in der Präfektur Nagano am Fluss Tagawa. Unterwegs kommen wir an einem See vorbei, über den Atsuko berichtet, dass er im Winter zufriert. Ein großes Fest wird gefeiert, weil dann die Götter den See zu Fuß überqueren können.

In Matsumoto kann Jeder erst einmal allein losziehen. Sehr hübsch ist eine Straße am Ufer des Flusses, wo in vielen kleinen Läden hübsche Dinge angeboten werden. Überall gibt es Frösche zu sehen und zu kaufen. Auch ein Schrein findet sich an der Promenade. Jenseits des Flusses macht die Stadt mit Hochhäusern und Geschäften einen sehr modernen Eindruck.

Am Bushaltepunkt fällt ein Dosojin-Stein auf. Auf dem kaum kniehohen Stein sind ein Mann und eine Frau dargestellt. Sie sind die Schutzgötter der Reisenden. Man findet sie in der Präfektur Nagano häufig an Straßenrändern. Oft tragen die Figuren eine Sakeschale.

Wir wandern nun zur Krähenburg, die ihren Namen nach der schwarzen Farbe ihrer Fassade erhielt. Die Anlage der Burg ist ein klassisches Beispiel für den Befestigungsstil Hirashiro (Flachlandburg). Sie überragt eine weite Ebene  und ist von den typischen, nach oben immer steiler werdenden Fundamentmauern aus riesigen Felsblöcken und von Wassergräben mit roten Brücken umgeben. Sie wurde schon 1504 errichtet, aber im Laufe des 16. Jahrhunderts erweitert. Der sechsstöckige Hauptturm sieht von außen aus, als hätte er nur fünf Stockwerke. Direkt angebaut an die Nordseite ist ein kleinerer Turm, der Mondblickturm. Der Verteidigung dienten Nischen für Bogenschützen, Waffen und Wurfsteine. Die Nordalpen bilden eine malerische Kulisse für dieses bemerkenswerte Bauwerk, das im späten 19. Jahrhundert abgerissen werden sollte, da es nach der Shogunatszeit nun weder als Fluchtburg  für den Samurai noch als Prestigeobjekt einen Zweck hatte. Zwei engagierte Bürger verhinderten die Zerstörung. Nur noch 12 ähnliche Burgtürme sind im ganzen Land erhalten und als Kulturerbe geschützt.

Nachtquartier haben wir heute im Wintersportort Nagano. Wir suchen uns ein Lokal, von denen es im Bahnhofsviertel eine Menge gibt,  Das ausgesuchte Fischgericht erweist sich als Hähnchenspieß!

Am nächsten Tag gehen wir bei herrlichem Wetter auf Wanderschaft zu den berühmten Schneeaffen, einer endemischen Makakenart. Ein angenehmer Waldweg von 1,6 km Länge führt in  das enge Höllental, in dem heiße Quellen an die Oberfläche treten. Ein kleines, 1864 erbautes Hotel sollte ehemals Gästen Gelegenheit bieten, in einem Onsen im Freien diese Gabe der Natur zu genießen. Das hatten aber auch die Affen bald für sich erkannt, ein eigentlich ungewöhnliches Verhalten. Sie bekamen ihr separates Becken, nutzen es aber vorwiegend im Winter. Der Park, der 1964 eröffnet wurde, liegt in 850 m Höhe. Er bietet Gelegenheit, die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. Sie werden zwar angefüttert, leben aber sonst völlig frei in den umgebenden Berghängen.

Gegen Mittag fahren wir weiter nach Takayama.  Die Straße ist eng und führt durch viele Tunnel, die keinen sehr Vertrauen erweckenden Eindruck machen. Die Passhöhe überqueren wir  bei      1190 m.  Takayama liegt  in stimmungsvoller Umgebung mitten in bewaldeten Bergen. Seine reichen Holzressourcen brachte exzellente Zimmerleute hervor, die auch in anderen Regionen arbeiteten. 1692-1868 unterstand sie als wichtiger Holzversorger direkt dem Shogunat. Dank der abgeschiedenen Lage blieben hier Straßen mit winzigen Läden, Museen und Restaurants aus der Edozeit erhalten. Das reine Wasser eignet sich besonders gut für die Herstellung von Sake. Man kann den Reiswein in den Geschäften probieren und natürlich kaufen. Ein Bummel durch die hübsche Altstadt lohnt sich sehr. Vom Hotelfenster haben wir einen herrlichen Blick auf das Tal und die Berge, hinter denen die Sonne verschwindet.

Am nächsten Morgen versinkt die Welt leider in Nebel und Regen – sehr bedauerlich, denn wir wollen das Dorf Shirakawa-go mit seinen steilen Schilfdächern besuchen und hoffen auf viele schöne Fotomotive. Der Ort mit seinen 1900 Einwohnern und 1 Million Besuchern liegt malerisch in einem Tal der Nordalpen an dem reißenden Schogawafluss. Hier fallen 10-12 m Schnee und sehr viel Regen, so dass es wichtig ist, dass die Dächer der Gassho-zukuri-Häuser 60 Grad steil wie betende Hände sind, damit die Niederschläge schnell ablaufen. Der Erhalt der Gebäude ist sehr kostenintensiv, da die Dächer etwa alle 30 Jahre erneuert werden müssen. Enge Zusammenarbeit aller Einwohner war immer nötig. Heute sind nicht alle Häuser mehr bewohnt, sind Pensionen. Die hohe Brandgefahr bedingt besondere Schutzmaßnahmen. Bei einer Übung werden sämtliche Wasserwerfer auf einmal betätigt - ein besonderes Spektakel!  Die in Nord-Süd-Richtung ausgerichteten mehrstöckigen Häuser sind rechteckig. In der obersten Etage wurde von den Familien Seidenraupenzucht betrieben. Aus den Exkrementen der Raupen gewann man Schießpulver.  Beim Bau der Häuser wurden keine Metallnägel verwendet. Die Streben sind mit Strohseilen zusammen gebunden. Der deutsche Architekt Bruno Taut machte das außergewöhnliche Dorf, das heute Kulturerbestatus hat, weltweit bekannt. Die Gegend war immer sehr arm. Aus Rosskastanien wurden Nudeln bereitet, Schnaps aus Hirse gebrannt. Die jungen Menschen mussten auf der Suche nach Arbeit gefährliche Fußwege übers Gebirge in Kauf nehmen.

Wir fahren nun weiter nach Kanazawa, das am Japanischen Meer liegt. Seine durch das Gebirge abgeschirmte Lage isolierte es lange gegen äußere Einflüsse und bedingte dadurch die Wahrung der kulturellen Identität. Dreihundert Jahre herrschte Frieden. Auch im 2. Weltkrieg blieb die Stadt unversehrt. Reiche Reisernten machten es auch wirtschaftlich autark.

Den wunderschönen Kenroku-en-Garten hätten wir gern im Sonnenschein besucht! Er vereint die sechs Faktoren der Gartengestaltung: Größe, Tiefe, viel Wasser, schöne Aussicht, natürlich, obwohl von Menschen angelegt und gestaltet. Die Regenbogenbrücke am Teich erinnert an eine japanische Harfe. Die im 17. Jahrhundert gepflanzten Kiefern müssen im Winter vor Schneebruch geschützt werden. Sie sind schon bei unserem Besuch verschnürt. Ein Bronzedenkmal ist dem mythischen Helden Yamoto-takeru gewidmet. Mitte des 19. Jahrhunderts entstand die Fontäne, die über den Druckunterschied aus dem oberen Teich betrieben wird - damals eine Sensation. In einem Teehaus suchen wir Schutz vor dem heftigen Regen. Wir genießen grünen Tee und ein aus roten Bohnen bereitetes Konfekt.

Der Tee, der aus China stammt, wurde anfangs nur von Mönchen getrunken. Später übernahm der Adel die Gewohnheit und entwickelte in der Edozeit die Teezeremonie als edle Unterhaltung mit dem Gast. Das uns servierte Getränk ist schaumig und sehr grün. Die geernteten Teeblätter werden gleich nach der Ernte gedünstet und behalten dadurch ihre Farbe. Es gibt jedoch auch den kräftigen, sehr dunklen Tee aus gerösteten Blättern. Für die Zeremonie verwendet man Pulvertee.

Im Samurai-Haus brauchen wir die „Tempelsocken“. Die mit Tatamimatten (90x180 cm, eine Raumgröße wird nach Anzahl der Matten angegeben, nicht nach Quadratmetern) ausgelegten Räume enthalten nur wenig Mobiliar. Zarte Wandmalereien, ein Hausaltar, Holzschnitzereien über den Durchgängen und Ausblicke in den bezaubernden Garten – das Haus hat eine besondere Atmosphäre. Samura-Bushi bedeutet bewaffneter Mann. Eine Rüstung ist im Eingang zu sehen. Das besonders geschmiedete Schwert spielte bei den Samurai eine zentrale Rolle. Besiegte Krieger nahmen sich mit einem kurzen Dolch das Leben, um ihre Ehre zu retten. Das von uns besichtigte Haus gehörte der Familie Nomura. Sehr hübsch ist das benachbarte kleine Cafe´mit Blick in den Garten. Das Samuraihaus ist Teil des gut erhaltenen Viertels mit Holzhäusern im alten Stil. Die Fronten zur Gasse hin sind geschlossen, so dass man keinen Einblick in die Privatsphäre der Bewohner hatte oder auch heute noch hat. Wassergräben dienen dem Brandschutz. Kanazawa ist führend in der Blattgoldherstellung.

Unser Hotel liegt nahe am Bahnhof, der sehr modern und riesig ist. Besonders sehenswert ist das Trommeltor am jenseitigen Ausgang. Wir suchen uns ein Sushi-Restaurant und haben mit einem kleinen Familienunternehmen eine gute Wahl getroffen. Das Hotelzimmer ist heute sehr klein. Wir bekommen einen Begriff von japanischen Wohnverhältnissen!

Am Sonntag, d.30.9. wendet sich unsere Reiseroute nun wieder der Pazifikküste zu. Eine Zeit lang fahren wir noch am Japanischen Meer entlang. Die Autobahn ist häufig von hohen Bambuswäldern gesäumt. Friedhöfe sind nah an der Straße zu sehen. Da sich der 24.Taifun des Jahres nähert, müssen wir auf den Besuch der „Himmelsbrücke“ verzichten, denn gegen Abend soll der Wirbelsturm auf die Küste bei Kyoto treffen, wo wir unser nächstes Quartier haben. Unterwegs versorgen wir uns noch mit Getränken und etwas Proviant, unnötig, da zwar Geschäfte und Restaurants geschlossen haben, unser Hotel uns aber gut versorgt. Auch Bahn- und Flugverkehr ruhen, als gegen 18 Uhr Sturm und heftiger Regen einsetzen. Zum Glück entstehen keine erheblichen Schäden, aber man ist durch „Jebi“ gewarnt. Am anderen Morgen strahlt die Sonne und beschert uns einen herrlichen Tag in der alten Stadt Nara.

Nara liegt 40 km südlich von Kyoto und war ab 710 erstmals permanente Hauptstadt des Reiches im Yamatobecken. Zuvor wurde die Hauptstadt immer nach dem Tod des jeweiligen Herrschers verlegt, weil dessen Palast als unrein galt. Erst mit der Einführung des Buddhismus wurde dieses Tabu unwichtig. Nara wurde nach chinesischem Vorbild schachbrettartig angelegt und  ist reich an Tempeln und Schreinen, die vor allem in einem großen Park liegen. In diesem tummeln sich etwa  1200 sehr zahme Shika-Hirsche  ungeniert zwischen den Besuchern. Sie gelten als heilig.

Wir besuchen den Todai-ji Tempel. Die UNESCO-Welterbestätte besteht aus der großen Buddha-Halle, Untertempeln, Hallen, Pagoden und Toren von besonderem architektonischen und historischen Wert. Die Haupthalle ist der größte Holzbau der Welt. Die Halle war ehemals noch breiter, wurde nach einem Brand etwas kleiner wieder aufgebaut. Der 752 vollendete Bau wurde von Kaiser Shomu veranlasst, um die große Buddhastatue aufzunehmen. Die 16 m hohe Bronzefigur verlor durch Erdbeben  und Brände immer wieder einmal den Kopf. Der jetzige stammt aus dem Jahr 1692. Mit der Größe des Buddha wollte man die Unendlichkeit des Kosmos darstellen.

Flankiert wird der „Daibutsu“ durch vergoldete Figuren von Erleuchteten.  Hinter dem Buddha steht ein dicker Holzpfosten mit einem Loch in Bodennähe. Wer durch das Loch hindurchkriechen kann, ist vor Unglück geschützt. Kinder und junge Leute probieren es tatsächlich. Am Fuße des Buddhas findet gerade eine religiöse Zeremonie statt. Auf dem Dach des Tempels sind zwei vergoldete Fabelwesen zu erkennen, die den Bau vor Bränden schützen sollen. Die glockenförmigen Fenster an der Vorderfront (Katofenster)  findet man nur an sakralen Bauten. Das größere mittlere Fenster wird von Silvester bis zum 11. Januar geöffnet, damit Licht auf das Gesicht  Buddhas fällt.

In dem großen Park befindet sich auch der Kasuga-Taisha-Schrein, eine der bekanntesten Shinto-Stätten. Der Originalbau wurde 768 vollendet. Die Wege zum und die Pfade um den zinnoberroten Schrein sind von 3000 Bronze- und Steinlaternen gesäumt. Das Torii am Eingang ist von Wächterhunden flankiert. Da der japanische Kalender heute den „Tag des großen Glücks“ verzeichnet (jeder Wochentag hat eine andere Bedeutung, an die die Menschen glauben), sind Eltern mit ihren Kindern zur Segnung gekommen. Ein in einen eleganten Kimono gekleideter Dreijähriger erkennt wohl die Bedeutung nicht so recht und büxt aus. Zwischen den Laternen sind auch hier Shika-Hirsche unterwegs.

Die Mittagspause  nutzen wir für einen kleinen Imbiss mit Überraschungskarakter in einer Einkaufspassage von Nara, ehe wir zurück nach Kyoto fahren.

Ein weiterer Höhepunkt ist der Besuch des Fushimi-Inari-Schreins. In der Sakeregion Fushimi befindet sich der berühmteste der zahllosen Schreine, die der beliebten Reis- und Sakegottheit Inari geweiht sind. Zu ihm führt eine Gasse mit mehreren hundert Torii (Schrein der tausend Toriis) hinauf. Sie wurde von Händlern gestiftet, die hier für guten Umsatz beten. Inarischreine sind an den Steinfüchsen erkennbar, die mit ihrem roten Latz Wache stehen. Sie sind den kami des Getreides geweiht und haben eine Reisähre, eine Kugel oder ein Schloss im Maul. Die leuchtend rot lackierten Torii dienten schon als Filmkulisse. Am Ende der Runde bieten Händler allerlei kulinarische Spezialitäten an.

An unserem letzten Tag widmen wir uns Zielen in Kyoto. Ca. 1000 Jahre war Kyoto Hauptstadt. Man überlegt, ob man einige Ministerien wieder hierher verlegt. Der Tenno muss in Tokyo bleiben.

Wir besuchen den Zengarten des Ryoan-ji im Norden der Stadt. Der Zenbuddhismus ist ganz auf Meditation ausgerichtet. Atmung und richtige Haltung  sind wichtig. Samuraibeamte gründeten im 15. Jahrhundert den Tempel für die aus China stammende Richtung des Buddhismus. Nach Zerstörung des ersten Baus Wiederaufbau im Jahre 1499. Vor dem schlichten Gebäude befindet sich der typische Garten, ein von einer Tonmauer umfriedetes Rechteck mit 15 unterschiedlich angeordneten Steinen, die man aus keiner Position alle sehen kann. Um die Steine ist der Sand geharkt, mehr nicht. Hinter dem Gebäude wird ein kleiner Brunnen ständig von frischem Wasser gespeist. Man reinigt sich die Hände vor dem Besuch des Teehauses. Das in der Mitte des Beckens dargestellte Zeichen „Mund“ bedeutet. „man muss immer mit dem zufrieden sein, was man hat“ - eine gute Philosophie!

Der Teichgarten, der sich an den Steingarten anschließt, stammt aus der Zeit, als Zen in Japan noch unbekannt war. Bäume und ein See, in dem sich die Wolken spiegeln, bilden einen Kontrast zu der Strenge des Zengartens, der dem UNESCO-Welterbe angehört und sogar von der englischen Königin besucht wurde.

Am sogn. Goldpavillon  Kinkaku-ji  (Rokuon-ji) erwartete uns ein großes Gewimmel von Besuchern, auch vielen Kindern. Errichten ließ ihn der dritte Ashikaga-Shogun Yoshimitsu (1358-1408) als Altersruhesitz. Er gab mit 37 Jahren seine öffentlichen Pflichten (nicht aber seine Macht) auf, um Priester zu werden. Als glühender Anhänger des Zen-Priesters Soseki ordnete er an, die Anlage nach seinem Tod in ein Kloster zu verwandeln. Der berühmte Pavillon spiegelt sich in einem Teich, umgeben von einem Garten mit alten Bäumen. Kiefern sind das Symbol für langes Leben. Man trifft sie in Japan in vielen Varianten an. Der Originalbau wurde 1950 durch Brandstiftung zerstört, 1955 detailgetreu wieder aufgebaut. Die untere Etage ist im adligen Stil, die 1. Etage im Samuraistil und die 2. im buddhistischen Stiel gehalten. Gekrönt wird der ganz mit Blattgold überzogene Bau durch einen goldenen Phönix. Klosterbauten und Elemente der Gartenkunst verteilen sich auf dem sich anschließenden Hügel, die man erreicht, wenn man dem Rundgang folgt.

Nach der Mittagspause in eine Einkaufspassage eilen wir zu einer Kimonoshow. Die wunderschönen Gewänder werden sehr anmutig präsentiert. Natürlich soll man auch kaufen! Die Massenware hat wenig mit den komplizierten Gewändern der Geishas zu tun. Sie richtig anzulegen und zu tragen erfordert eine lange Ausbildung, die außerdem aus Musik- und Tanzunterricht besteht. Auch die Teezeremonie und die Kunst der gehobenen Unterhaltung müssen beherrscht werden.

Der Umfang des Kaiserpalastareals beträgt 1,4 km. Eine hohe Mauer wird durch Tore unterbrochen. Das Kenreimon-Tor in der Südmauer darf nur der Kaiser durchschreiten. Repräsentations- und Wohngebäude aus Holz verteilen sich in dem weiten Gelände, im dem sich auch ein romantischer Garten mit einer Bogenbrücke befindet. Die Dächer der Gebäude sind mit hohen Lagen von Holzschindeln gedeckt. Die Palastanlage wurde im 16. Jahrhundert errichtet. Die Empfangshallen wurden durch die besten Maler der Kanoschule gestaltet.

Eine private Runde durch den imposanten Bahnhof von Kyoto, neben dem unser Hotel liegt, bildet den Abschluss des Tages. Erleuchtete Treppenaufgänge neben ellenlangen Rolltreppen, Geschäfte und Lokale, eine Dachterrasse und natürlich die Bahnsteige für den Shinkansen und die anderen Züge bilden eine Welt für sich, in der man die Orientierung verlieren kann.

Am 3.10. verlassen wir am frühen Morgen unser Hotel und fahren nach Osaka. Der Flughafen Kansai liegt auf einer künstlichen Insel und ist nur über eine lange Brücke erreichbar. Der Taifun „Jebi “riss einen Tanker los, der gegen diese Brücke stieß und eine Fahrbahn zerstörte. Wir kommen an der Unglücksstelle vorbei, erreichen den Flughafen unbeschadet und verabschieden uns nach einem Frühstück von unserer Reiseleiterin. Pünktlich hebt die Maschine der Lufthansa nach Frankfurt ab und bringt uns heil in die Heimat zurück.

Verfasst von Frau Dr. Elisabeth Linnert

 

 

 

 

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